Ethik in der Praxis: Der Umgang mit sensiblen Daten aus wissenschaftlichen Sammlungen

Die moderne Forschung hat fortschrittliche Rahmenkonzepte und Verfahren entwickelt, um hohe ethische Standards zum Schutz von Mensch, Natur und kulturellem Erbe zu gewährleisten. Wenn es jedoch um wissenschaftliche Sammlungen geht – insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, im Gegensatz zur Kunstgeschichte und Anthropologie –, gehen Forscher oft davon aus, dass diese Materialien weitgehend „unproblematisch“ sind und ethische Fragen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Schließlich handelt es sich lediglich um Pflanzen, Tiere oder Gesteinsproben, die vor Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten gesammelt wurden – was könnte daran falsch sein?

Doch sobald man beginnt, Sammelpraktiken und historische Kontexte zu untersuchen, treten viele komplexe ethische Fragen auf. Dazu gehören Beschaffungen im kolonialen Kontext, Machtungleichgewichte, übersehene Rechte indigener Völker, die Reproduktion diskriminierender Stereotypen, potenzielle Risiken für gefährdete Arten sowie das komplexe Zusammenspiel zwischen Natur, Menschheitsgeschichte und zeitgenössischer Politik.

Rahmenwerke wie die CARE-Prinzipien für die indigene Datenverwaltung und die gemeinsame Verwaltung von Artefakten und Naturgegenständen mit den Herkunftsgemeinschaften gehen auf einige dieser Bedenken ein; sie führen jedoch auch zu einer weiteren Komplexität bei der Verwaltung und Nutzung der entsprechenden Daten. Ein umfassendes Rahmenwerk, das mehrere ethische Fragen gleichzeitig behandelt, fehlt derzeit.

In dieser Seminarreihe werden wir uns mit der Ethik von Daten aus wissenschaftlichen Sammlungen befassen und dabei Themen behandeln, die von Dinosaurierfossilien über geraubte Artefakte bis hin zu bedrohten Arten und genetischen Ressourcen reichen. Unsere großartigen Referent*innen werden die Bedeutung des Verständnisses des historischen und ethischen Kontexts von Sammlungsdaten hervorheben, die Herausforderungen einer verantwortungsvollen Arbeit mit solchen Materialien erörtern und praktische Ansätze und Instrumente zur Bewältigung dieser komplexen Zusammenhänge vorstellen. Die Seminarreihe zielt darauf ab, den Dialog und die Zusammenarbeit zu fördern, um gerechtere, transparentere und verantwortungsvollere Praktiken bei der Verwaltung und Nutzung von Sammlungsdaten zu erreichen.

Alle Seminare finden online und in englischer Sprache statt. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist jedoch erforderlich. Bitte beachtet, dass die Veranstaltungen an unterschiedlichen Wochentagen und zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden. Einzelheiten zu den einzelnen Seminaren findet ihr in der untenstehenden Tabelle.

Skeleton of the dinosaur Diplodocus carnegii at Museum für Naturkunde Berlin
Skelett des Dinosauriers Diplodocus carnegii im Museum für Naturkunde Berlin © Carola Radke, MfN

Datenethik ist keine Liste von Grundsätzen oder Richtlinien, die man befolgen muss, um „richtig mit Daten umzugehen“; sie ist vielmehr eine Denkweise und die Fähigkeit, bestimmte Strategien und Entscheidungen explizit zu bewerten und zu verteidigen sowie zu begründen, warum man – unter bestimmten Umständen und zu einem bestimmten Zeitpunkt – der Ansicht ist, dass dies angesichts der eigenen Werte und Ziele die besten Strategien und Entscheidungen sind. Dementsprechend widmet sich dieses Seminar dem Verständnis über die Funktionsweise von Daten und ihrer Dynamik, ethisches Denken in einen angemessenen epistemischen Rahmen einordnen zu können. Dazu gehören die zentralen ethischen Fragen rund um die Nutzung von Big Data und damit verbundenen Technologien wie maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz sowie der breitere Rahmen der heutigen digitalen Gesellschaft, einschließlich ihrer Abhängigkeit von Automatisierung, generativer KI, sozialen Medien und damit verbundenen Plattformen für Kommunikation und Dienstleistungserbringung. 

Referentin: Prof. Sabina Leonelli (Munich Technical University / Ethical Data Initiative)

Termin: 21. April, 13:15 – 14:40 Uhr MEZ

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Das Museum für Naturkunde Berlin (MfN) beherbergt rund 30 Millionen Objekte, von denen ein erheblicher Teil im Rahmen von Expeditionen in kolonialisierten Gebieten erworben oder von kolonialen Akteuren übergeben wurde.

Vor diesem historischen Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Institution verantwortungsbewusst und sensibel mit diesem Erbe umgehen kann. Das Seminar befasst sich anhand von zwei Fallstudien mit dieser Herausforderung. Zunächst stellen wir ein Entscheidungsbaummodell vor, das die sammlungsbasierte Forschung unterstützen soll, indem es Objekte mit kolonialem Hintergrund identifiziert. Anschließend stellen wir ein laufendes Projekt vor, das sich der Digitalisierung der Tendaguru-Fossilien widmet. Eines der bekanntesten Exponate des Museums ist das Fossil des Dinosauriers Giraffatitan brancai, das aus Ausgrabungen am Berg Tendaguru zwischen 1909 und 1913 in der damaligen deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika (dem heutigen Tansania) stammt. Dieses gewaltige Dinosaurier-Exemplar veranschaulicht die groß angelegten kolonialen Sammelpraktiken, die die Sammlungen prägten. Die Ausgrabung, die durch die Arbeit hunderter afrikanischer Arbeiter ermöglicht wurde, führte zur Bergung und zum Transport von rund 200 Tonnen Fossilien nach Berlin.

Beim Umgang mit Daten zu solchen umstrittenen Objekten lautet die zentrale Frage: Wie lassen sich diese Kontexte auf der Ebene der Metadaten darstellen? Welche ethischen und rechtlichen Aspekte müssen beim Umgang mit kolonialen Daten berücksichtigt werden? Durch die Zusammenführung dieser Fragen möchte das Seminar aufzeigen, dass sowohl die kritische Reflexion als auch die sorgfältige digitale Kuratierung solcher Sammlungen iterative Prozesse darstellen, die als eigenständige Forschung verstanden werden müssen.

Referentinnen: Katja Kaiser (MfN), Ina Heumann (MfN)

Termin: 29. April, 14:00 – 16:00 Uhr MEZ

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Angesichts des jüngsten Anstiegs von Projekten zur Massendigitalisierung von Sammlungen reflektiert dieser Vortrag die Prozesse und Praktiken der Datenproduktion in naturkundlichen Museen. Er beleuchtet insbesondere die politischen Dimensionen dieser Praktiken: die Machtverhältnisse und soziopolitischen Bedingungen, die sich zeigen, wenn man betrachtet, welche Aufgaben von wem erledigt werden, welche Daten als dokumentationswürdig gelten und wer über Investitionen in und die Ausgestaltung von Digitalisierungsprozessen entscheidet. Der Vortrag argumentiert, dass diese sozio-materiellen Bedingungen der Datenproduktion Einfluss darauf haben, wie Daten verarbeitet und zugänglich gemacht werden und somit auch darauf, wie Biodiversitätskrisen angegangen und bewältigt werden. Neben der Reflexion über die Prozesse der Datenproduktion untersucht der Vortrag daher, wie „Lösungen“ für Krisen des Artensterbens und des Biodiversitätsverlusts durch Massendigitalisierungsprojekte in naturkundlichen Museen Gestalt annehmen.

Referentin: Dr. Roos Anne Hopman (Klagenfurt University)

Termin: 6. Mai, 14:00 – 16:00 Uhr MEZ

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Referent*innen: Melania Muñoz García (Leibniz Institute DSMZ), Monique Hölting (Museum Koenig Bonn), Dr. Martin Wiemers (Senckenberg Society for Nature Research)

Termin: 12. Mai, 10:00 – 12:00 Uhr MEZ

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Die zunehmende Verbreitung von Biodiversitätsdatenaggregatoren und Citizen-Science-Projekten in den letzten zwei Jahrzehnten hat zu einer exponentiellen Ausweitung der Nutzung von Big Data für die Bewertung von Naturschutzmaßnahmen und die Biodiversitätsforschung geführt. In der Folge sind die Erwartungen hinsichtlich der Bereitstellung von Biodiversitätsdaten gestiegen, ebenso wie das Bewusstsein für die Herausforderungen, die sowohl mit der Freigabe als auch mit der Zurückhaltung von Daten zu sensiblen Arten (Restricted Access Data, RASD) verbunden sind.

Während der Zugang zu Biodiversitätsdaten immer breiter geworden ist, sind die Beweggründe von Einzelpersonen, Forschenden und Organisationen, den Zugang zu bestimmten Arten von Daten zu beschränken, unverändert geblieben. Datenproduzenten und -verwalter vertreten möglicherweise eine konservativere Haltung in Bezug auf den Datenzugang als Datenkonsumenten. Zu berücksichtigende Faktoren sind unter anderem Art und Ausmaß der Bedrohung, die Vulnerabilität, die Art der Information und die öffentliche Verfügbarkeit. Darüber hinaus wächst das Bewusstsein für die Notwendigkeit, indigene Völker und lokale Gemeinschaften in die Lage zu versetzen, die Datenhoheit über traditionelles Wissen und Biodiversitätsdaten zu wahren, die von, über oder in den von ihnen verwalteten Gebieten erhoben werden. Bei Arten, für die Zugangsbeschränkungen gelten, muss der gemeinsame Zugriff eingeschränkt werden, um den Anforderungen des Naturschutzes sowie den rechtlichen und gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden. Der Zugang zu diesen Daten ist unerlässlich für bessere Ergebnisse in Umwelt und Forschung, fundiertere Entscheidungen und kürzere Genehmigungsverfahren.

In diesem Seminar wird die verborgene Welt der Daten zu gefährdeten Arten beleuchtet. Dabei wird erläutert, worin der Unterschied zwischen bedrohten und gefährdeten Arten besteht, welche Faktoren bei der Einstufung einer Art als gefährdet berücksichtigt werden können, wie gefährdete Arten klassifiziert werden können, welche Arten der Aufbereitung für RASD-Daten in Frage kommen und wie der „Atlas of Living Australia“ mit RASD-Daten umgeht.

Referent*innen: Tania Laity (Atlas of Living Australia), Cam Slatyer (CSIRO)

Termin: 21. Mai, 9:00 – 11:00 Uhr MEZ

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Referentin: Dr. Leke (Leslie) Hutchins (Arizona State University)

Termin: 04. Juni, 10:00 – 12:00 Uhr MEZ

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„Digital Benin“ ist ein internationales Projekt im Bereich der Digital Humanities, das verstreute Sammlungen, Archivunterlagen und Abbildungen königlicher Artefakte aus dem Königreich Benin zusammenführt und einen beispiellosen Überblick über Objekte bietet, die im späten 19. Jahrhundert von britischen Truppen geplündert wurden und sich heute in Museen auf der ganzen Welt befinden. Aufbauend auf einer fünfjährigen Zusammenarbeit mit mehr als 250 Institutionen und Dutzenden von Fachpartnern sammelt das Projekt nicht nur Daten, sondern rückt auch die Provenienzforschung, das Wissen der Gemeinschaft und Wege zur Rückgabe in den Vordergrund. 

Aus dieser Arbeit entstand Ọkpan – Origin Knowledge Platform for Assembled Narratives, eine Open-Source-Software, die entwickelt wurde, um strukturelle Herausforderungen im Bereich der Kulturerbedaten anzugehen. Ọkpan ermöglicht es Institutionen und Herkunftsgemeinschaften, Museumsdatensätze zu verknüpfen und anzureichern, ohne die Originaldatensätze zu verändern, und dabei indigene Sprachen, mündlich überlieferte Geschichten und gemeinschaftsbasiertes Wissen zu integrieren. Ọkpan stellt die Herkunftsgemeinschaften als primäre Wissensträger in den Mittelpunkt und fördert gemeinsam erarbeitete Erzählungen, die fragmentierte Objektgeschichten über Sammlungen und geografische Grenzen hinweg wieder miteinander verknüpfen.

Dieses Seminar bietet eine Einführung in „Digital Benin“ und „Ọkpan“, stellt deren konzeptionelle Grundlagen, technische Merkmale und ethischen Rahmen vor und erörtert, wie digitale Infrastruktur die Rückgabe von Kulturgütern, geteilte Entscheidungsbefugnisse und verantwortungsvollere Formen der Kulturerbe-Verwaltung unterstützen kann.

Referentin: Dr. Anne Luther (Institute for Digital Heritage / Digital Benin)

Termin: 11. Juni, 16:30 – 18:30 Uhr MEZ

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Dieses Seminar bietet eine Einführung in die zentralen Fragestellungen, die sich bei der Erfassung von geplündertem afrikanischem Kulturerbe und der Geschichte kolonialer Plünderungen auf digitalen Datenplattformen stellen. Anhand von drei Fallbeispielen aus dem Wikidata-Projekt „The Restitution of Knowledge: A Digital Repertory of Colonial Plunder“ werden die Teilnehmenden mit objekt-, akteurs- und ereignisorientierten Ansätzen zur digitalen Provenienz vertraut gemacht. Sie werden dazu aufgefordert, die ethischen Fragen zu untersuchen, die mit der direkten Übertragung von Museumsdatenbanken auf Online-Plattformen verbunden sind, und über mögliche Lösungen nachzudenken, um bei der Angabe der Herkunft oder des Erwerbskontexts afrikanischen Kulturerbes eine Vielzahl von Perspektiven (einschließlich mündlicher historischer Überlieferungen) zu berücksichtigen.

Referent: Dr. Yann LeGall (Technical University Berlin)

Termin: 18. Juni, 11:00 – 13:00 Uhr MEZ

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