Weniger langweilige OER erstellen. Teil 3 – Antike Didaktik für zeitgemäß strukturierte Materialien

Wer schon einmal unterrichtet hat, weiß: es reicht nicht, Informationen zur Verfügung zu stellen um Wissen zu vermitteln. So gerne man den Lernenden ein Datenkabel in den Nacken stecken möchte, damit sie von Sprachen bis Jiu-jitsu einfach alles lernen können – das hat nur in der “Matrix”-Filmserie funktioniert. Im echten Leben funktioniert das leider nicht.

Um zu lernen, brauchen wir Aufmerksamkeit – und wir müssen bereit sein, aufmerksam zu sein. Das heißt, wir Menschen lernen am besten über persönliche Beziehungen: zu Lehrenden, zu Mit-Lernenden, in situativen Kontexten.
Und all das fehlt im Online Kurs.
Online Kurse, und insbesondere Selbst-Lern-Einheiten, sind didaktische Ausnahmesituationen.

Natürlich ist es möglich, sich alleine und nur mit Hilfe von Büchern Wissen anzueignen. Aber es ist aus lernpädagogischer Sicht der schwierigste Weg. Deshalb wählen viele Online-Lehrende das Medium “Video“.
Videos bieten viele Vorteile: z. B. gibt es Moderator:innen als Bezugsperson, Handgriffe können vorgemacht, Situationen dargestellt, echte Kontexte szenisch simuliert werden. Das geht deutlich über die reine Textebene hinaus, aber es bleibt eine einseitige Beziehung.

Video hat auch Nachteile: es ist viel besser für Lernsituationen geeignet, in denen etwas vorgemacht werden muss, als für die Vermittlung von abstrakten Informationen.
Man kann beispielsweise ganz einfach Segelknoten oder Strickmuster oder den Winkel der Schere beim Schneiden von Rosen mit Hilfe von Videos erklären.
Für das Konzept von “FAIR data” hingegen kann Text tatsächlich das bessere Medium sein: Lernende können anhalten, zurückblättern, Begriffe markieren, Notizen an den Rand schreiben…

Nur Nachfragen können sie in beiden Fällen nicht.
Egal wie interaktiv und unterhaltsam und szenario-basiert die Lehrmaterialien aufgebaut sind: anders als im Klassenraum bekommt der/die Kursersteller:in es nicht mit, ob die Lernenden Zwischenfragen haben. Können sie noch folgen oder wurden sie längst abgehängt?
Hier wird etwas zur Tugend, was wir ansonsten im schriftlichen Ausdruck meist vermeiden wollen: Redundanz. Denn die Wiederholung derselben Information festigt die Verbindungen im Gehirn.

Jedes neue Thema, jedes neue Konzept – wenn wir dasselbe mehrfach sagen, es ankündigen, ausführen, mit Beispielen versehen, und noch einmal zusammenfassen, wenn wir es zudem emotional aufladen und mittels realistischer Szenarios für das eigene Leben relevant machen, dann machen wir es den Lernenden leichter. Wir umkreisen ein Thema und zeigen es von mehreren Blickwinkeln, bis die Lernenden eines davon als “bekannt” erkennen, oder bis sie eine neue Sicht auf ein bekanntes Phänomen erhalten.

Es geht um Anschaulichkeit. Und im Wort “anschaulich” steckt das Verb “anschauen”. Es geht darum, im Kopf der Lernenden Bilder zu erzeugen. Es geht, streng genommen, um Telepathie.
Die Kunst der Telepathie, also Bilder, Emotionen, Meinungen aber auch Informationen von meinem Kopf in den Kopf meines Publikums oder Leserschaft zu transferieren, ist seit der Antike das Gebiet der Rhetorik. Die antike Rhetoriktheorie hat eine Vielzahl von Übungen und Schemata entwickelt, die sich bewährt haben.

Eine Lego-Figur des Philosophen Plato, mit erhobener rechtem Arm und einem Buch in der linken Hand.
Plato. Detail aus einem Entwurf für ein Lego-Set “Die Schule von Athen” (nach dem Gemälde von Raphael). (c)PonderingCookie083, 07. April 2023. https://ideas.lego.com/product-ideas/7e4940b3-fad6-4512-bfb9-3a6699e05da0

Antike Rhetorik für moderne Didaktik?

Nehmen wir einmal die Chrie (griech.: “Anekdote”).
Die Chrie im engeren Sinne ist eine Anekdote, deren Pointe in der Regel eine als nützlich eingestufte Aussage oder Tat einer berühmten Person ist. Eng verwandt ist die Gnome (griech.: “Sinnspruch”), nur dass hier der Urheber des Satzes ungenannt bleibt.
Im weiteren Sinne handelt es sich um eine rhetorische Übung, die sich hervorragend eignet, um ausgehend von besagter Anekdote die Redegattung der Lob- und Tadel-Rede zu schulen.

Das Chrien-Schema folgt der Beantwortung von 7 Fragen („Quís, quid, cúr, contrá, simil(e), éxemplária, téstes?“ | „Wer, was, warum, gegen, ähnlich, Beispiele, Zeugen“) und endet in Schritt 8 in einer Zusammenfassung oder einem Appell.
In kurzen Fassungen werden mehrere Fragen in einem Satz beantwortet, in längeren Ausführungen lässt sich zu jedem Schritt ein eigener Satz, Absatz oder Kapitel schreiben – je nachdem, wieviel Zeit und Geduld die Festgesellschaft an Opas 80tem Geburtstag mitbringt…

Indem es eine Struktur für die umfassende Beleuchtung einer Handlung, Aussage oder These bietet, eignet sich das Chrien-Schema auch ganz hervorragend für die Strukturierung von Informationen in Lehrmaterialien. Wir wollen die Fragen einmal der Reihe nach durchgehen und sehen, wie sich das praktisch auswirken könnte.

1. Quis (wer)

Laudatio / Propositio (Lob / These): Als Einstieg wird die Person und ihre Handlung oder Aussage – zumeist zustimmend als richtig oder nachahmenswert – genannt.
In unserem Kontext wäre das die These des aktuellen Abschnitts, die wichtigste Information, die in diesem Abschnitt oder Kapitel der Lehrmaterialien vermittelt werden soll.
“PID unterstützen die FAIR Prinzipien.”

2. Quid (was)

Explicatio (Erklärung / Entfaltung): Die Information oder These wird paraphrasiert, genauer definiert und mit eigenen Worten erklärt.
“PID ermöglichen es Publikationen oder Daten eindeutig zu identifizieren, so dass sie auffindbar bleiben und wiederverwendet werden können.”

3. Cur (warum)

Ratio (Begründung): An dieser Stelle wird begründet, warum die Aussage richtig oder die These sinnvoll oder notwendig ist.
“Die Fair-Prinzipien ermöglichen es, wissenschaftliche Forschungsergebnisse zu replizieren und zu reproduzieren. Das ist ein Grundprinzip moderner Wissenschaft.”

4. Contra (gegen)

Kontrast oder Gegenteil: Was würde es bedeuten, wenn das Gegenteil der These einträte?
“Wenn man Personen, Publikationen oder Datensätze nicht eindeutig identifizieren kann, kann es zu Verwechslungen kommen.”

5. Simile (Vergleich)

Ob als Vergleich, Analogie oder Metapher: finden wir eine den Lernenden bekannte Situation, die so ähnlich funktioniert und die ihnen sofort einleuchtet? Auch Grafiken, Diagramme oder Abbildungen können als Gleichnis dienen.
Eine Adresse oder eine Festnetztelefonnummer kann mehrere Personen im selben Haushalt erreichen. Mobilfunknummern sind hingegen in der Regel genau einer Person zugeordnet – zumindest, solange man die Nummer nicht wechselt”.

6. Exemplaria (Beispiele)

Exemplum (Beispiel): An dieser Stelle wird mindestens ein konkretes Beispiel genannt, dass die These, Aussage oder Information veranschaulicht.
Die ORCiD ermöglicht es, Personen über Institutions- oder Namenswechsel hinweg eindeutig zuzuordnen und von namensgleichen Personen zu unterscheiden.

7. Testes (Zeugen)

Testimonium (Zeugnis / Autorität): An dieser Stelle bietet es sich an, Quellen, Literaturreferenzen oder weiterführende Informationen anzugeben.
Mehr erfahrt Ihr zum Beispiel unter dem Link: https://base4nfdi.de/projects/pid4nfdi…

8. Conclusio / Complexio (Fazit)

(Schluss / Folgerung): Zuletzt erfolgt eine kurze Zusammenfassung. Das kann eine Tabelle sein, eine Auflistung der wichtigsten Punkte oder ein Appell für das eigene Handeln.
Nutzen Sie PID und beginnen Sie am besten damit – falls noch nicht geschehen – sich eine ORCiD zuzulegen.

Fazit

Natürlich dient ein solches Schema nur als Gerüst – es soll ein Geländer sein, eine Leitplanke, kein Käfig. Für mich ist die Fragenliste der Chrie eine Hilfestellung, kein Zwang. Nicht immer ist es sinnvoll, sich das Gegenteil vorzustellen oder notwendig, eine Aussage zu begründen.
Ich kann die Liste abhängig von Thema oder These beliebig variieren, aber indem ich sie geistig durchspiele stelle ich sicher, dass ich das Thema von verschiedenen Seiten beleuchte und keinen Aspekt vergesse.

Wie das in der Praxis aussehen kann?
Wir haben diese Woche einige brandneue Kurse veröffentlicht:
Aus unserer Kursreihe "Advanced RDM-Concepts in Managing Natural Science Collections”
- RDM - Core concepts of data quality in research data management
und aus unserer Kursreihe "Research, reuse, and publication of object-related data according to the FAIR principles"
- RRP - Reusability and its relevance
- RRP - Reusing object related research data


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- 2024 WiNoDa Webinar Series: Data Science

Weitere Kurse sind in Arbeit...
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https://www.lin-magdeburg.de/brain-facts/wie-funktionieren-lern-und-gedaechtnisprozesse
https://de.wikipedia.org/wiki/Chrie
https://en.wikipedia.org/wiki/Chreia
Quintilia: Institutio oratoria 1,9,4: https://www.thelatinlibrary.com/quintilian/quintilian.institutio1.shtml
Unless otherwise stated, all content is published under cc-by 4.0. Suggested citation:
Schröder, Asta von. (2026). Weniger langweilige OER erstellen. Teil 3 – Antike Didaktik für zeitgemäß strukturierte Materialien. WiNoDa Knowledge Lab. https://winoda.de/2026/07/23/weniger-langweilige-oer-erstellen-teil-3-antike-didaktik-fuer-zeitgemaess-strukturierte-materialien/ (Accessed on Juli 25, 2026 at 12:19)
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