Vor einiger Zeit war ich mal wieder nach Feierabend in meiner privaten Ecke des Internets unterwegs. Diese besteht heutzutage hauptsächlich aus zwei Mastodon-Accounts – einem anonymen privaten und einem “offiziellen” auf dem fedihum-Server, den ich mit Klarnamen und daher gelegentlich auch beruflich benutze.
(Die Mastodon-Instanz unter www.fedihum.org wird seit 2022 von der DHd betrieben und sollte der deutschsprachigen Digital Humanities Community zur digitalen Wissenschaftskommunikation als Ersatz für Elon Musk’s Twitter, heute X, dienen. https://digitalhumanities.de/2022/11/14/dhd-verband-initiiert-mit-fedihum-org-neue-mastodon-instanz-fuer-alle-digital-humanities-aficionados/)
Mastodon
Ich folge dort einer laufend nachkuratierten Liste interessanter Menschen oder (beruflich) relevanter Organisationen und finde es wunderbar! Keine Algorithmen, keine Werbung – nur Menschen gestalten diesen Raum. (Auch das WiNoDa Knowledge Lab hat einen Account – folgt uns gerne unter @WiNoDa@nfdi.social| https://nfdi.social/@winoda!)
Der Aufbau und die Pflege dieses Netzwerks kostet natürlich ein bisschen Zeit und Mühe – man muss einigermaßen regelmäßig lesen, interessante Menschen, Organisationen oder Hashtags identifizieren und ihnen folgen. Man kann still und leise mitlesen oder sich aktiv mit Antworten, Re-tröts, Zitröts oder gar (gasp!) eigenen Beiträgen einbringen. (Jaja, ich weiß, das “Getröte” der Mastodonten klingt albern, aber auch nicht mehr als das “Gezwitscher” der Twitterati.)
Wenn man das alles macht, wird man – wie ich finde – reich belohnt mit allerlei interessanten Links zu Veröffentlichungen, Veranstaltungen, Kursangeboten oder auch nur Informationen, wo auf der Konferenz der beste Kaffee zu bekommen ist.
Inzwischen gibt es auch “Starter-Packs” – wie bei dem ähnlich funktionierenden, aber doch kommerziell-zentralisierten Bluesky – so dass man mit wenigen Klicks “seine” Leute finden kann. (Mein Kollege Jannis Gomer hat bspw. schon einige Startpakete für die WiNoDa Community erstellt: https://fedidevs.com/starter-packs/?q=winoda&language=&order_by=popular_day.)

Fediverse
Aber Mastodon ist nicht der einzige Dienst im sogenannten Fediverse– dem Netz der verschiedenen unabhängigen sozialen Medien, die über das ActivityPub-Protokoll verknüpft sind.
Wer es also nicht so mit Micro-Blogging auf Mastodon hat: es gibt im Fediverse Dienste analog zu fast allen gewohnten Plattformen aus dem “richtigen” Internet, (z. B. PeerTube für Videos, Pixelfed für Fotos, Friendica statt Facebook, Lemmy statt reddit, Loops für short videos, Bookwyrm uvm.) – und sie alle können miteinander “föderieren”, sodass ich in meinem Feed alles sehen kann, was die von mir gefolgten Kanäle posten oder was mit den entsprechenden Hashtags publiziert wird (Fotos, Videos, Blogposts).
Darüber hinaus habe ich sogar einem altmodischen RSS-Feed abonniert, wie bspw. den des WiNoDa Knowledge Lab Journal-Blog. (Alle Blogposts erscheinen so automatisch unter meinem Namen in meinem Feed).
Der große Vorteil und zugleich der größte Nachteil des wunderbaren Fediverse ist die Dezentralisierung – keine einzelne Plattform, sondern unzählige miteinander vernetzte Server. Wo also ist der “Eingang”? Wo meldet man sich an? Welche Server-Instanz wählt man aus und wo sind die Unterschiede ?
Es ist daher ein großes Glück, wenn Institutionen (z. B. das KIT Karlsruhe oder die Universiät Insbruck) oder Fachverbände (z. B. die schon genannte DHd – Digital Humanities im deutschsprachigen Raum, oder die niederländische IT Kooperative für Bildung und Forschung SURF) eigene Mastodon-Instanzen aufsetzen, sodass wir Otto-Normal-User:innen uns nicht mit dem technischen Hintergrund beschäftigen müssen.
Aber angesichts der vielen verschiedenen Möglichkeiten, sich im Fediverse zu vernetzen – warum entscheiden sich fast alle akademischen Verbände oder Institutionen ausgerechnet für einen Mastodon-Server für ihre Communities?
Zum einen, weil es die wahrscheinlich erfolgreichste Implementation des ActivityPub-Protokolls bietet – und zum anderen, weil die neuen Server nach Elon Musks Twitter-Übernahme als direkter Ersatz für das zerstörte “Science-Twitter” dienen sollten.
Das dabei Potenziale verschenkt werden, haben sich offenbar auch die Entwickler von Bonfire gedacht. Bonfire ist keine Plattform oder “App” sondern ein modulares Framework zum Aufbau digitaler Community-Räume. Mögliche Funktionen umfassen Feeds (die mit Mastodon etc interagieren oder föderieren ), Gruppen, Benutzerkreise und Moderationswerkzeuge… und wenn etwas fehlt, kann man es entwickeln (lassen). (Bisher läuft das über Crowdfunding: https://www.indiegogo.com/en/projects/bonfire/community#/section/project-story)
Es gibt für Bonfire also kein festes Set an Funktionen – sondern ein Baukastenprinzip, dass sich jede:r selbst zusammenstellen und auf dem eigenen Server hosten kann. Falls man denn über die technischen Fähigkeiten, einen Server und die Zeit verfügt.
Open Science Network
Hier sieht das (geplante) Open Science Network seine Chance. Das Open Science Network will eine Bonfire-Konfiguration für den offenen akademischen Diskurs sein – inklusive ORCID-Integration für das Nutzerprofil.
Das klang spannend, also habe ich bei Mastodon ein bisschen herumgefragt, und einer der Initiatoren hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mir (und den anderen Beteiligten an der Diskussion, die Zeit dafür hatten), ein bisschen mehr zu erzählen.
Wir trafen uns also nach Dienstschluss zu dritt (Jorge Saturno (@jorgeluis@pub.solar | https://mastodon.pub.solar/@jorgeluis), Henrik Schönemann (@lavaeolus@fedihum.org | https://fedihum.org/@lavaeolus) und ich (@AvSchroeder@fedihum.org | https://fedihum.org/@AvSchroeder)) in einem Jitsi-Raum und haben über die Hintergründe, Vorteile, Hindernisse und Herausforderungen des Projekts gesprochen.
Folgendes habe ich aus diesem Gespräch mitgenommen:
- Die Initiative wurzelt in dem Wunsch, sich im Internet zu vernetzen, ohne seine beruflichen Netzwerke von einer kommerziellen Plattform abhängig zu machen. Denn diese können jederzeit das persönliche Netzwerk in Geiselhaft nehmen und die Spielregeln ändern – so wie es u. a. bei Twitter passiert ist.
- Die Vision ist ein digitales Netzwerk von Forschenden, aber ohne Werbung oder Algorithmus,, dafür mit optimaler Unterstützung von Bedürfnissen, die sehr spezifisch für die Community sind – wie die bereits erfolgte ORCID-Integration. Diese dient nicht nur Authentifzierung, sondern kann auch direkt die Publikationsliste ins Profil spiegeln.
- Geplant ist auch die Möglichkeit Preprints zu publizieren und open review zu betreiben.
- Angedacht ist auch ein Workflow, der abgeschlossene Diskussion automatisch mit DOI versieht und bei Zenodo publiziert (wobei hier noch Fragen zu klären sind bezüglich Konsent, Kosten und was tatsächlich publikationswürdig ist.)
- Und natürlich soll die Community explizit an der Entwicklung, Anpasung und Integration weiterer Funktionalitäten und Schnittstellen anhand der eigenen Bedürfnissen beteiligt werden.
Noch gibt es leider keine “richtige” Instanz – aber man kann hier einen ersten Eindruck bekommen: https://sandbox.openscience.network/ Und es laufen offenbar bereits Gespräche mit mehreren Institutionen, ob sie eine Bonfire-Instanz mit der Geschmacksrichtung “Open Science” als Pilotsystem aufsetzen möchten.
Eine Großteil unseres Gesprächs dreht sich darum, wer die potenziellen Hoster sein könnten. Universitäten und Forschungsinstitutionen bieten sich an – ähnlich wie sie in den 1990ern E-Mail popularisiert haben, indem einfach alle Immatrikulierten und Lehrenden E-Mail-Adressen bekamen, könnten sie auch jetzt als Multiplikatoren dienen – mit Angehörigen der eigenen Institution als “automatischen” Mitgliedern, aber der Möglichkeit, sich mit anderen Servern zu verbinden /zu föderieren.
Eine andere Möglichkeit wären die Fachgesellschaften. Das hätte den Vorteil einer inhaltlichen Passung – und falls man die Hochschule wechselt, müsste man als Nutzer:in keine Profilmigration durchführen, denn die Disziplin wechselt man wohl seltener als die Affiliation.
Wenn man ein solches Netzwerk als nationale oder gar internationale Infrastruktur betrachtet, käme auch die NFDI (die bereits eine Mastodon-Instanz betreibt) oder gar die EOSC in Betracht.
Und natürlich auch Kombinationen von allen, mit vielerlei Einstiegspunkten, denn wie gesagt: jede:r kann und darf eine eigene Bonfire-Instanz aufsetzen, die dann mit den anderen Instanzen föderiert.
Entgegen dem eigentlich löblichen und im Fediverse oft wie ein heiliges Dogma verteidigten dezentralen Ansatz verspricht (meiner privaten Meinung nach) aber auch der Aufbau einer dezidierten, zentralen Plattform Vorteile:
- Sie könnte als zentraler Einstiegspunkt dienen, der das Onboarding enorm erleichtern würde – insbesondere um Menschen zu erreichen, die noch nicht im oft als kompliziert und zersplittert wahrgenommenen Fediverse sind.
- Sie könnte auch all den “heimatlosen” Projektforschenden eine einfach zugängliche, dauerhafte Heimat bieten.
Finanzierbar wäre das beispielsweise über institutionelle Mitgliedschaften, ähnlich wie das Open Science Framewok OSF — das wäre neben Zotero auch eine interessante Integration/Schnittstelle für OSN btw –oder ORCID oder andere zentrale Dienste. Dann könnte man auch das eigentliche Hosting, Server-Administration etc an einen externen Dienstleister beauftragen, ohne institutionelle Stellen zu sehr zu belasten.
Das war ein interessantes Gespräch, und ich hätte es nicht geführt, ohne Mastodon und die Menschen im Fediverse. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das Open Science Network entwickelt. Ich werde es jedenfalls weiterverfolgen.
Referenzen und weitere Informationen:
https://www.fedihum.org
https://digitalhumanities.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Fediverse
good short explainer: https://gist.github.com/joepie91/f924e846c24ec7ed82d6d554a7e7c9a8
good introduction: https://jointhefediverse.net/?lang=en-us
https://fedidevs.com/starter-packs/?q=winoda&language=&order_by=popular_day
https://www.kit.edu/kit/202507-kit-launcht-eigene-mastodon-instanz.php
https://www.uibk.ac.at/de/fediverse/mastodon/
https://www.surf.nl/en/about-the-mastodon-pilot
https://bonfirenetworks.org/
https://techcrunch.com/2025/06/05/bonfires-new-software-lets-users-build-their-own-social-communities-free-from-platform-control/
https://openscience.network/
https://orcid.org/
https://info.orcid.org/de/vendors-and-service-providers/orcid-certified-service-providers-list/
https://sandbox.openscience.network/
https://osf.io/
https://www.zotero.org

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DAI bin ich bei WiNoDa hauptsächlich für die Erstellung von Selbstlern-Kursen zur fachspezifischen Datenkompetenz zuständig.
Praxisorientiert und interaktiv – mein Ziel ist: weniger Fachjargon, mehr Aha-Effekt.
Denn Daten sind für alle da!
