Ein weiteres Kürzel, das oft in einem Atemzug mit FAIR data genannt wird, ist CARE. Und auch dieses Akronym hat eine homöonome Entsprechung (engl. to care), die wir uns genauer ansehen möchten. Doch worum geht es?
Während die FAIR-Prinzipien vor allem technische Fragen des Datenmanagements behandeln, deren berufsethische Aspekte über den Gleichklang zum sportlichen „fair“ nur unterschwellig mitklingen, stehen bei den CARE-Prinzipien ethische und rechtliche Überlegungen im Vordergrund.

Die „CARE Principles for Indigenous Data Governance“ wurden 2019 von der Global Indigenous Data Alliance (GIDA) entwickelt und richten sich speziell auf den Umgang mit Daten, die indigene Gemeinschaften betreffen. Sie behandeln Fragen der Kontrolle, Verantwortung und Gerechtigkeit. Ziel ist es, die Interessen und Rechte indigener Völker zu wahren und ihre Selbstbestimmung über die Verwendung ihrer Daten zu stärken. Daten sollen dem kollektiven Wohl der indigenen Gemeinschaft dienen.
Wo die FAIR Prinzipien einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, beziehen sich die CARE Prinzipien also nur auf ein Subset der Daten. (Auch wenn ethisches Handeln im Sinne von CARE unabhängig vom Forschungsgebiet eigentlich immer richtig und angemessen wäre und allen zugute käme, sollte dieser Diskurs noch nicht verschoben und über indigene (oder andere marginalisierte) Gruppen hinaus verallgemeinert werden – so weit ist die Reklamation der politischen Rechte Indigener noch nicht…)
Die CARE-Prinzipien entspringen der postkolonialen Emanzipation ganz bestimmter ethnischer, sozialer, kultureller und -nicht zuletzt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft – bis dato unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen („Indigene“).
Sie sind im Wesentlichen eine Antwort auf koloniale Praktiken der Wissensaneignung und Datennutzung und wecken ein Bewusstsein für den blinden Fleck des westlich dominierten Wissenschaftssystems: das Fortbestehen des strukturellen Datenkolonialismus.
Denn seit der Kolonialzeit wurden große Mengen an Wissen, Kulturgütern und Daten über indigene Völker mithilfe der kolonialen Machtstrukturen ohne deren Zustimmung gesammelt, archiviert und verwendet, z. B.
- Anthropologische/ethnographische Studien
- Gesundheitsdaten
- Landnutzungs- und Umweltinformationen
- Sprachaufnahmen und kulturelle Praktiken
Den Nutzen hatten einseitig die Kolonialmächte. Wissen über indigene Gruppen wurde (wird?) extrahiert, kontrolliert und oft gegen sie verwendet.
Als Reaktion fordern die CARE-Prinzipien
- Datenverwendung zum Gemeinwohl (Collective Benefit ) der indigenen Gemeinschaft
- Datenhoheit (Authority to Control) der indigenen Gemeinschaften über ihre eigenen Daten
- Datennutzung und Forschung mit Verantwortung (Responsibility ) gegenüber indigenen Rechten und Interessen
- eine zentrale Rolle indigener Ethik (Ethics), Standards und Weltanschauungen in der Datenpraxis als postkoloniale Anerkennung alternativer Wissenssysteme.
Wie schon bei FAIR wurden also durchaus komplexe Aspekte wissenschaftlichen Handelns zu einem Akronym verdichtet.
Der Reim von „CARE“ auf „FAIR“ trägt zudem dazu bei, die Prinzipien als komplementär und zusammengehörend zu begreifen. Es reimt sich, und was sich reimt, ist gut!
Aber unterstützt die Wahl des Homöonyms „to care“ das Verständnis CARE-Prinzipien oder gar ihre Akzeptanz ebenso, wie es bei FAIR und „fair“ der Fall ist?
Ich glaube, in diesem Fall ist es nicht ganz so eindeutig.
Das englische to care bedeutet wahlweise jemanden pflegen, für jemanden sorgen oder ein emotionales Interesse an etwas/für jemanden zu haben. Semantisch wird ein Fürsorge, Verantwortung, Vorsicht und Sorgfalt beschworen.
Doch Sorgeverhältnisse sind nicht unbedingt neutral: gerade in sozialen oder postkolonialen Kontexten kann Fürsorge asymmetrische Machtverhältnisse spiegeln – die „Kümmernden“ tragen die Entscheidungshoheit. Die „Bekümmerten“ werden oft nicht auf Augenhöhe eingebunden.
Die CARE-Prinzipien für indigene Daten-Governance versuchen hingegen, sich von solchen asymmetrischen Vorstellungen von „Sorge“ abzusetzen: nicht „Externe“ kümmern sich um indigene Daten, sondern indigene Gemeinschaften bestimmen und kontrollieren selbst, was ethische Sorge bedeutet – auf Basis kollektiver Rechte. Das Akronym CARE betont ihre souveräne Eigenverantwortung. Paternalistische Fürsorge muss also erst umcodiert werden auf Respekt, Gleichwertigkeit und Selbstbestimmung.
Gelingt das?
Ich meine: Jein. Einerseits benötigt besagte Umdeutung so viel mentalen Aufwand, dass ich meinen bisher längsten Blogartikel dazu schreiben musste, einfach nur um einmal ordentlich zu durchdenken, woran ich mich störte.
Andererseits hat es offenbar funktioniert. Die CARE-Prinzipien sind etabliert, schaffen Aufmerksamkeit und rücken die Debatte über implizite Machtverhältnisse im Umgang mit Daten ins allgemeine Bewusstsein.
Der blinde Fleck verschwindet.
(WiNoDa plant übrigens für 2026 eine ganze Webinar-Serie zum Thema fachgerechter Umgang mit Daten aus sensiblen Kontexten, bei denen auch CARE eine Rolle spielen wird. Wir werden rechtzeitig informieren!)
Bereits am 20. Mai 2025 gab es ein Webinar: „Be FAIR and CARE: Grundprinzipien für Open Science in der Forschung mit Objekten“. (Aufzeichnung: https://www.youtube.com/watch?v=02cCwscKzC0; Präsentation: https://doi.org/10.5281/zenodo.15607066)
Die CARE-Prinzipien für indigene Data Governance erschienen 2019 hier: https://datascience.codata.org/articles/10.5334/dsj-2020-043. Siehe auch: https://www.gida-global.org/care

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DAI bin ich bei WiNoDa hauptsächlich für die Erstellung von Selbstlern-Kursen zur fachspezifischen Datenkompetenz zuständig.
Praxisorientiert und interaktiv – mein Ziel ist: weniger Fachjargon, mehr Aha-Effekt.
Denn Daten sind für alle da!